Werte-KnowHow

Offener Projekttransfer: Eine Chance auch für innovative Jugendhilfe

Wer ein gutes, wirksames und möglicherweise innovatives (Jugendhilfe-)  Projekt entwickelt hat, kann schnell auf die Idee kommen, die Verbreitung dieser Idee voranzutreiben. Denn was in der einen Stadt klappt, klappt möglicherweise auch in einer anderen. „Skalierung“ ist das Stichwort – doch oft wissen die Beteiligten nicht, wie ein solcher Prozess gestaltet werden kann. Hier bietet es sich an, über “Offenen Projekttransfer” nachzudenken.
Über das Thema und die eigens dafür geschaffene Plattform opentransfer.de hat Thomas Mampel, Sozialmanager und Geschäftsführer des Stadtteilzentrums Steglitz in Berlin mich für den Blog Jugendhilfe bewegt Berlin interviewt.

Herr Zollondz, Sie sind Sozialmanager und beschäftigen sich intensiv mit dem Thema „Offener Projekttransfer“. Worum geht es dabei – was ist ihre Motivation, sich mit dem Thema so intensiv zu beschäftigen?

 Auf das Thema „Offener Projekttransfer“ bin ich durch meinen Blog gekommen. Ich beteilige mich regelmäßig an den NPO-Blogparaden, die gezielt Fragen aus dem Non-Profit-Bereich stellen und von den unterschiedlichsten Akteuren aus ganz Deutschland beantwortet werden. Dabei habe ich Katarina Peranic von „openTransfer.de“ kennen gelernt und mein erstes Barcamp besucht.

In der Sozialarbeit bin ich seit gut 20 Jahren in Bielefeld im Bereich Gemeinwesenarbeit tätig. Das bringt mit sich, dass man die Kolleginnen und Kollegen sehr gut kennt. Wirklich neue, innovative Impulse entstehen eher selten, da der Rahmen durch politische Vorgaben eng gesteckt ist und neue Ideen aufgrund der immer gleichen Personen irgendwann erschöpft sind.

Mein Engagement bei openTransfer bringt mich bundesweit mit den unterschiedlichsten Menschen in Kontakt, die alle auf ihre Weise soziale Projekte voranbringen wollen. Die Spannweite dieser Begegnungen reicht von Studierenden, die ganz neue Ideen mitbringen und sich zunächst orientieren, über Menschen, die sich in unterschiedlichen Stadien für kleine und große Projekte einsetzen, bis hin zu Älteren, die sich auch nach ihrem aktiven Berufsleben für die Verbreitung sozialer Ideen begeistern.

Diese Menschen haben die unterschiedlichsten Hintergründe, studieren, bauen kleine Projekte in Form von Vereinen auf, arbeiten für freie Wohlfahrtsverbände oder sind bei Stiftungen und potenziellen Geldgebern aktiv. Diese Mischung in Kombination mit offenen Veranstaltungsformen wie Barcamps, Blogparaden, das Schreiben von kollaborativen eBooks etc. machen für mich den Reiz aus.

Es findet dabei eine motivierende, gleichwertige, und auch wenn der Begriff mittlerweile sehr abgedroschen ist, Begegnung auf Augenhöhe statt.

Das Potenzial, das aus diesen Rahmenbedingungen entsteht führt zu neuen, innovativen Ideen, die zunächst unabhängig von den zum Teil engen Grenzen vor Ort gedacht und entwickelt werden können. Wissen aus den unterschiedlichsten Bereichen fließt zusammen, Projekte können wachsen, Finanzierungsmöglichkeiten erschlossen werden und erfolgreiche Projekte skaliert und in andere Städte transferiert werden.

Ideen, die gut funktionieren, müssen nicht immer wieder neu erfunden werden, Geldgeber können das Potenzial erkennen und ihre Mittel besser einsetzen und es entstehen nicht immer wieder dieselben Projekte unter neuem Namen, die alle wieder bei Null anfangen.

Wie genau funktioniert „offener Projekttransfer“ und welchen Nutzen haben die Beteiligten davon?

Das Motto des offenen Projekttransfers ist „Gutes einfach verbreiten“. Ich denke, das bringt die Idee sehr gut auf den Punkt. Organisationsübergreifend tragen Akteure aus dem sozialen Bereich ihre Konzepte und Erfahrungen zusammen, um gemeinsam voneinander zu lernen und sich und ihre Projekte weiter zu entwickeln.

Oftmals fehlt Wissen in einzelnen Bereichen, das jemand anderes beisteuern kann. So entsteht auf diesem Weg eine umfangreiche, frei zugängliche Wissensdatenbank auf OpenTransfer.de.

Ein Kernthema des offenen Projekttransfers ist die Transfermöglichkeit erfolgreicher Projekte und die damit verbundene Skalierung.

Es ist nicht notwendig, scheinbar gute Ideen immer wieder neu in unterschiedlichen Städten zu „erfinden“ und dafür Fördergelder zur Verfügung zu stellen. Viel effektiver ist es, erfolgreiche Projekte zu skalieren und an andere Standorte zu übertragen. An dieser Stelle entstehen allerdings auch immer wieder Befürchtungen, ob die eigene Idee dabei von Mitbewerbern geklaut oder verwässert wird. OpenTransfer begegnet diesen berechtigten Bedenken mit verschiedenen Transfer-Ansätzen. So kann ein Projekt beispielsweise in ein Franchise-Konzept übertragen, gegen Lizenzgebühren an andere Standorte und Träger vermittelt oder ein Filialsystem aufgebaut werden.

Dabei entsteht eine Win-Win-Situation, von der beide Seiten profitieren.

Außerdem erlebe ich den gegenseitigen Austausch als große Bereicherung. Akteure aus den unterschiedlichsten Regionen Deutschlands, von kleinen Vereinen bis hin zu großen freien Wohlfahrtsträgern, mit den unterschiedlichsten beruflichen Hintergründen treffen aufeinander und bilden ein beeindruckendes Potenzial an neuen Ideen, das ein einzelner Träger in dieser Form nicht erreichen kann.

Können Sie konkrete Beispiele nennen? Gibt es Vorzeigeprojekte oder Best-Practice -Erfahrungen, von  denen andere Träger und Verbände lernen können? Insbesondere interessiert uns natürlich, inwieweit dieses Modell auch in der Jugendhilfe schon praktiziert wird.

Ich selber bin nicht in der Jugendhilfe aktiv. Es gibt aber ein bundesweit erfolgreiches Best-Practice-Modell, das in Berlin angesiedelt ist. Katja Urbatsch hat mit ihrem Projekt Arbeiterkind (www.arbeiterkind.de) ein bundesweites Filialsystem aufgebaut, das Jugendliche und junge Erwachsene, die nicht aus Akademikerfamilien kommen bei der Vorbereitung und Durchführung eines Hochschulstudiums unterstützt. über 5.000 Freiwillige engagieren sich mittlerweile in 70 Regionen Deutschlands als Mentoren. Gesteuert wird das Unternehmen von vier hauptamtlichen Kräften mit Sitz in Berlin. Die Zentrale kümmert sich um Fundraising und Förderungen und übernimmt einen Großteil der bürokratischen Aufgaben. So werden die freiwilligen Mentoren vor Ort entlastet und können sich um ihre eigentliche Aufgabe der Beratung und Begleitung kümmern. Die Qualität des Angebots wird durch Basistrainings sichergestellt, die jeder Mentor absolvieren muss.

Die Weiterverbreitung geschieht organisch und nicht ausschließlich durch die Zentrale organisiert. So kann beispielsweise eine bestehende Ortsgruppe eine neu gegründete Ortsgruppe in der Nachbarstadt beraten und beim Aufbau unterstützen. Katja Urbatsch sieht die eigentliche Aufgabe der Zentrale dabei in der Stabilisierung und Begleitung der Ortsgruppen.

Dieses Beispiel zeigt eindrucksvoll, wie aus einer kleinen lokalen Idee ein bundesweit erfolgreiches Projekt wachsen kann, ohne das dabei das Know-How und die Zügel aus der Hand gegeben werden müssen.

Organisationen, die ein kleines Projekt erfolgreich initiiert haben und einen Einstieg in den Transferprozesses überlegen, können hier lernen, welche Vorbereitungen, z.B. die Wahl der Transferform, die Qualitätssicherung und die Organisation des Overheads notwendig sind.

Klingt  nach viel Arbeit. Kann das Ihrer Meinung nach  jeder Träger, jede Organisation „stemmen“ ? Sind kleinere oder sind größere Organisationen dabei  ihm Vorteil? Und wo finde ich Ansprechpartner und Berater, wenn ich mich als freier Träger oder als Projekt an Transferprozessen beteiligen möchte?

Ein Transferprozess, der in der Regel auch mit einer Skalierung verbunden ist, stellt in meinen Augen für jede Organisation eine große Bereicherung dar. Im Laufe des Prozesses wird das Projekt einmal bis auf seinen essentiellen Kern zerlegt und dokumentiert. Die persönlichen und oft auch emotionalen Anteile der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die am Aufbau beteiligt waren, werden benannt und gewürdigt. Diese Form von Wertschätzung halte ich für sehr bedeutend. All diese Erkenntnisse fließen in den Transferprozess ein und bilden die Grundlage für ein Projekt, das am Ende dieses Weges bereit ist, in die Welt getragen zu werden.

Kleinen, nicht zertifizierten Organisationen und Vereinen bietet sich damit die Möglichkeit, einen großen Schritt in Richtung Qualitätssicherung zu gehen, während die großen zertifizierten Träger einen weiteren tragfähigen Baustein in ihrer Qualitätspolitik schaffen.

„Stemmen“ kann so einen Transformationsprozess jede Einrichtung. Abhängig von den zur Verfügung stehenden Ressourcen muss nur unterschiedlich viel Zeit dafür eingeplant werden..

Erste Anlaufstelle ist dabei immer OpenTransfer.de. Hier steht eine Vielzahl von hochwertigen und praktisch erprobten Ressourcen kostenlos zur Verfügung. Damit ist eine erste Orientierung möglich. Außerdem lohnt sich auch der Besuch eines der Open Transfer Camps (OTC), die jedes Jahr in Form von Barcamps an unterschiedlichen Standorten in Deutschland stattfinden. Die Termine sind ebenfalls über OpenTransfer.de zu erfahren.

Für den Transferprozess innerhalb der Organisation ist eine externe Begleitung in den meisten Fällen sinnvoll. Der Blick von Außen bietet allen Beteiligten die Möglichkeit, sich auf die Inhalte zu konzentrieren, strukturiert den Prozess und gibt wertvolle Tipps. Beraterinnen und Berater können über OpenTransfer angefragt werden.

Ich selber engagiere mich ebenfalls in unterschiedlicher Form für OpenTransfer und stehe auch als Ansprechpartner für die Begleitung von Transferprozessen zur Verfügung. Mit einem Team von vier Beraterinnen und Beratern begleiten wir bundesweit Projekte im sozialen Bereich. Dabei setzen wir auf unsere Erfahrungen aus mittlerweile über 20 Jahren im Bereich des dritten Sektors. Dieser Bereich unterliegt wie kaum ein anderer stetigen Veränderungen durch immer weiter sinkende öffentliche Förderungen und Umstrukturierungen. Ein erfolgreicher Projekttransfer ist unter diesen Bedingungen eine Herausforderung, aber immer auch ein Gewinn, sowohl für den Träger, als auch für die Zielgruppe des Projekts, und deshalb wert, sich auf den Weg zu machen.

Über den Autor

Stefan ZollondzBerater für messbares kulturelles Wertemanagement “Organisationen verändern sich nicht, Menschen verändern sich.” Mit dieser Grundhaltung unterstütze ich Unternehmer und Geschäftsführer aus dem sozialen Sektor, ihrer Organisation durch messbare, gemeinsame kulturelle Werte zu mehr Wachstum und Stabilität zu verhelfen. Denn ich bin der Meinung, dass Unternehmen, Organisationen, Teams und andere Gemeinschaften besser funktionieren, wenn ihre Führungskräfte sich für den Aufbau einer werteorientierten Kultur einsetzen. Gelingt die Messung kultureller Werte, gelingt auch Veränderung.Weitere Beiträge von Stefan Zollondz →